Ein Seenotretter von Borkum über die Nordsee

Für das Inselspecial “Borkum” im Lifestylemagezin LUV&LEE habe ich mich mit Vormann Ralf Brinker vom Borkumer Seenotrettungskreuzer HAMBURG über seine Arbeit und die Gewalten der Nordsee unterhalten:

Die Nordsee: mit dem Nationalpark Wattenmeer ein Lebensraum für Tiere und Pflanzen, aber auch das Revier von Fischern, Sportbootfahrern und Frachtschiffen. Die Nordsee ist nicht nur schön und idyllisch, sie hat auch eine andere Seite: Das weiß Vormann Ralf Brinker von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Brinker kommt aus Warsingsfehn und ist im 14-tägigen Rhythmus auf dem Seenotrettungskreuzer „Hamburg“ der  Seenotretterstation Borkum tätig.

Das Einsatzgebiet der Borkumer Seenotretter ist gekennzeichnet durch die Grenzlage zu den Niederlanden. Kennzeichnend für das Revier von Brinker und seinen insgesamt acht Kollegen ist, dass hier die offene See und zahlreiche Sandbänke im Mündungsgebiet der Ems beieinander liegen. Die Einsätze sind vielfältig. „Das fängt beim Transport von Schwangeren von der Insel zum Festland an und geht eben bis zur Rettung von Schiffen und Booten in Seenot“, erklärt Brinker. Er ist immer nur für seinen Dienst auf der Insel und kennt die Gewässer rund um Borkum wie seine Westentasche.

Vormann Ralf Brinker. Foto: DGzRS

Wenn gerade kein Einsatz zu fahren ist, ist er gemeinsam mit seinen Kollegen in Bereitschaft an Bord des Kreuzers im Borkumer Hafen. Dann kümmern sich die Männer um ihr Schiff – ihr neues Schiff. Erst im April hat die DGzRS den neuen Seenotrettungskreuzer SK 40, die HAMBURG, in Betrieb genommen. Nach gut einjähriger Bauzeit hat die 28 Meter lange HAMBURG die ALFRIED KRUPP nach 32 bewegten Einsatzjahren abgelöst. „Wir warten das Schiff, erledigen Arbeiten, die so anfallen, ich koche das Essen für die Kollegen, wasche die Wäsche und regelmäßig stehen Übungen an“, erklärt der vierfache Familienvater.

Das Schiff ist eines von mehreren großen Kreuzern mit Tochterboot, die von der DGzRS an wichtigen Küstenpunkten zur Sicherung der Großschifffahrtswege stationiert sind. Zur Stammbesatzung der Einheiten gehören jeweils neun Rettungsmänner, von denen jeweils vier „auf Wache“ sind. Sie leben und arbeiten rund um die Uhr an Bord.

Erster Einsatz der HAMBURG nicht mal 24 Stunden nach Ankunft des Schiffes

Den ersten Einsatz mit der HAMBURG absolvierten die Männer noch nicht einmal 24 Stunden, nachdem sie das Schiff bekommen hatten. Ein Windparkschiff war im Offshore-Windpark „Borkum Riffgrund 1“ mit einer Windkraftanlage kollidiert. Dabei wurden drei Besatzungsmitglieder verletzt, das Schiff schlug leck, Wasser drang ein. Hier der damalige Einsatzbericht der Seenotretter.
 „Wir haben das Schiff dann begleitet, die Maschinen unseres neuen Kreuzers liefen gut und wir waren sehr zufrieden”, erinnert sich Brinker.

Die Borkumer Station der Seenotretter gibt es seit 1862. Sie ist damit eine der ältesten Stationen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die es seit 1865 gibt. Bereits 1861 entstand nach der Strandung der Brigg „Alliance“ vor Borkum mit dem Tod von neun Seeleuten der erste regionale Verein zur Rettung Schiffbrüchiger in Emden.

Im Schnitt haben die Männer der Borkumer Station bis zu 80 Einsätze im Jahr. „Da ist aber alles dabei: der Transfer von Kranken, das Begleiten von defekten Yachten bis zu rund 20-stündigen Einsätzen auf See“, erklärt Brinker. Der Ostfriese ist ein ruhiger Vertreter, man könnte meinen, ihn bringe nichts aus der Ruhe. Seit 30 Jahren ist Brinker Seenotretter und er kennt die Nordsee vor Borkum auch von der anderen Seite: „Das ist dann wie der größte Rummel mit Achterbahnen, freiem Fall und Hochgeschwindigkeitskurven in sechs Stunden. So ähnlich muss man sich vorstellen, was da draußen los sein kann.“ Man müsse sich darüber klar sein, dass man nicht gegen die Natur antreten könne.

“Mit den fast 4000 PS starken Maschinen haben wir so viel Kraft, dass wir das Schiff in schwerer See zerstören könnten.”

„Man fährt ganz vorsichtig von Welle zu Welle und ist sehr unter Spannung. Mit den fast 4000 PS starken Maschinen haben wir so viel Kraft, dass wir das Schiff ohne Probleme in schwerer See zerstören könnten“, betont Brinker. Der Ostfriese ist froh, dass es mittlerweile nicht mehr die starken Nordweststürme gibt. „Sie kommen jetzt eher aus Südwest, das Wetter hat sich geändert und es ist nicht mehr ganz so schlimm.“

Dass die Fantasie auch mit erfahrenen Männern in schwerer See einmal durchgehen kann, beweist eine Anekdote des Borkumer Seenotretters von vor einigen Jahren. „Wir fuhren durch schwere See in pechschwarzer Nacht bergab die Welle herunter und dann war da so ein komisches Licht im Tal, ganz hell. Dann gingen wir mit dem Schiff wieder hoch in die nächste Welle, das Licht war weg und im nächsten Wellental tauchte es wieder auf. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was es war.“ Brinker sah damals den reflektierten Schein der Toplaterne am obersten Mast des Rettungskreuzers. „Wir sind so steil bergab gefahren, dass die 16 Meter hohe Toplaterne senkrecht in die Welle hineinleuchtete. Das war beste Gruselfilm-Atmosphäre“, erinnert sich Brinker.

Ostfriese kann sich ein Leben ohne das Meer nicht vorstellen

Er kam zur DGzRS, nachdem er zuvor schon zur See gefahren war. Brinker hatte schon als kleiner Junge den Seenotrettungsbooten hinterher geschaut und wollte eigentlich Tischler werden. „Nach meiner Ausbildung ging es dem Betrieb ziemlich schlecht und mein Chef sagte mir damals, er könnte mich nun doch nicht einstellen. So bin ich bei der Seefahrt gelandet.“ Nach acht Jahren bei der Reederei Buss in Leer kam Brinker damals als zweifacher Familienvater zu den Seenotrettern.

Der Ostfriese kann sich ein Leben ohne das Meer oder gar eine Arbeit an Land nicht vorstellen. „Was soll ich da auch?“ Auch der Urlaub in Gegenden ohne Wasser kommt für Brinker nicht infrage. „Skandinavien oder das Mittelmeer; zwischendurch in den Bergen ist es auch ganz schön, aber wenn nach drei Tagen dann wieder Wasser in Sicht ist, ist das noch besser“, sagt er schmunzelnd.

Borkums Seenotretter finanzieren sich ausschließlich durch Spenden. Bei neun fest angestellten Mitarbeitern kommen noch 15 freiwillige Helfer dazu. „Die arbeiten sehr effektiv mit und so ist immer gewährleistet, dass das Schiff rund um die Uhr besetzt ist“, erklärt Brinker.

Alt trifft Neu: Die HAMBURG (vorn) und ihr Vorgänger ALFRIED KRUPP vor Borkum. Foto: Flying Focus, Hermann Ijsseling

Die Seenotretter

Die Seenotretter der DGzRS rücken auf Nord- und Ostsee jedes Jahr mehr als 2000 Mal aus. Sie sind zuständig für den Such- und Rettungsdienst (SAR = Search and Rescue) im Seenotfall. Finanziert wird die DGzRS ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen, ohne jegliche staatlich-öffentliche Mittel. Die meisten der rund 1000 deutschen Seenotretter sind Freiwillige. Etwa 180 von ihnen, auf den größeren Stationen wie Borkum, sind fest angestellt. Insgesamt unterhält die DGzRS zwischen Borkum im Westen und der Pommerschen Bucht im Osten rund 60 Rettungseinheiten auf 55 Stationen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Männer, die rausfahren, wenn andere reinkommen, mehr als 85.000 Menschen aus Seenot gerettet.

Christoph
mail@christoph-assies.de
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